Barfuß und schwul

Offen schwul auf nackten Sohlen – Glück, Gesundheit und Lebensfreude zum Nulltarif

Seit über fünfzehn Jahren verzichte ich – seltene Ausnahmen ausgenommen – ganzjährig in Freizeit und Beruf auf Schuhe (Schuhe waren nie so richtig „meins“). Das Gefühl des schuhlosen Lebens möchte ich nicht mehr missen.

Sensitive Erfahrungen, die man mit Schuhen nicht wahrnehmen kann und positive gesundheitliche Aspekte sprechen klar für möglichst häufigen Schuhverzicht. Die Empfänglichkeit für Erkältungen sinkt, die Durchblutung der Beine wird gefördert, die Muskulatur der Füße verbessert sich. Ermüdungserscheinungen nach langwierigen Besuchen von Messen oder Möbelhäusern betreffen zumindest kaum noch die Füße. Dieses Phänomen ist nach meiner Einschätzung nicht verwunderlich, da der Fuß beim natürlichen Bewegungsablauf zuerst mit dem Ballen den Boden berührt. Schaut man sich Schuhe genauer an, so stellt man in aller Regel fest, dass die Hacken abgelaufen sind. Der Bewegungsablauf in Schuhen, mit dem zuerst aufsetzenden Hacken, ist unnatürlich und fordert sein Tribut durch ermüdende Gliedmaßen, Verspannungen und Kopfschmerzen.

Barfußlaufen auf Großstadtstraßen oder öffentlichen Toiletten sei unhygienisch, ist ein Einwand, den ich immer mal wieder zu hören bekomme. Ist es wirklich so viel hygienischer, den Füßen die meiste Zeit des Tages ein schweißig-feuchtes Klima in chemikaliendurchtränkten Leder- oder Kunststofferzeugnissen zuzumuten? Warum wohl sind Fuß- und Fußnagelpilz sowie Schweißfüße Volkskrankheiten? Eine klare Frage der Perspektive – erst recht, wenn man bedenkt, dass eine PC-Tastatur, bakteriologisch betrachtet, deutlich problematischer ist als eine durchschnittlich saubere öffentliche Toilette…

Da sich der Blick für den Boden schärft, sind Glasscherben und Hundekot auch kein so großes Risiko, wie häufig angenommen wird. Nur noch sehr selten trete ich mir Splitter ein, allerdings hatte ich nachfolgend nie nennenswerte Probleme, die mich am weiteren Barfußlaufen gehindert hätten.

Aus dem Schrank… – und das ist gut so!

Aus dem Schrank bedeutet, zu seiner sexuellen Identität zu stehen.

Ich bin schwuler Familienvater und Ehemann, mittlerweile Mitte Fünfzig. Ich lebe mit meiner Familie zusammen, meine Frau und meine Kinder wissen schon sehr lange, dass ich schwul bin. Karen hat mit Micha einen neuen Partner gefunden, ich mit Ralf, der gefühlt „mein Mann“ ist. Unsere Familie ist größer und bunter geworden.

Mich verbindet mit Karen tiefste Zuneigung und ein unverbrüchliches Vertrauen ineinander, das sich über viele Jahre und zahllose gemeinsam bestandene Herausforderungen und Prüfungen gefestigt hat.

Die Erkenntnis, schwul zu sein, vollzieht sich, nach meiner Wahrnehmung, in mehreren Schritten, die gleichzeitig individuell unterschiedlich hohe Hürden darstellen. Die „Selbstverortung“ ist der erste Schritt, die Erkenntnis der eigenen Homosexualität. Meisterhaft verdrängt, fiel mir dies nicht leicht. Ich bin sicher, es geht noch immer vielen schwulen Männern, insbesondere denen, die von Eltern erzogen wurden, die vor den Zeiten spürbarer Liberalisierung groß geworden sind, je nach Lebenssituation und Sozialisierung, ähnlich. Als Zeichen der Dankbarkeit für meine Lebenssituation, und um gegen das Vergessen zu wirken, wurde ich Pate eines Stolpersteins für ein homosexuelles Opfer des Nationalsozialismus (Simon-von-Utrecht-Straße 64 in Hamburg St. Pauli). In meinem Geburtsjahr gab es übrigens in Deutschland noch knapp 3000 Verurteilungen wegen Verstoßes gegen die §§ 175 und 175a. Dem Normalitätsanspruch gehorchend heiratete ich und geriet so in die klassische Familienkonstellation mit Haus und Kindern. Lediglich eine rastlose Unzufriedenheit und ziellose Getriebenheit, die ich u.a. durch aufwändige Projekte aller Art kompensierte, waren Ausdruck meiner seelischen Schieflage. In einem Lebensabschnitt, der dem Zustand “wunschlos glücklich” sehr nahe hätte kommen müssen, plagten mich suizidale Gedanken, Versagensängste und tiefe unbestimmbare Zerrissenheit.

Dank Karens Aufgeschlossenheit und unseres stets offenen Gesprächsklimas gelangen mir das zaghafte Eingeständnis “zumindest schwule Neigungen” zu haben und die ersten Schritte in diese neue, sich richtig anfühlende Welt.
Ein weiterer Schritt auf dem Weg zu mir war die “innere Akzeptanz“ schwul zu sein, denn die Erkenntnis bedingt nicht zwingend, dass man dies auch für sich akzeptieren kann. Auch hier unterstützte mich Karen durch Bestärkungen und so manche „dosierte Indiskretionen“ im Freundeskreis, die von mir erforderten, zunehmend zu mir selbst zu stehen. Vor einigen Jahren stieß ich zu den Schwulen Vätern in Hamburg und fand mich dann im Kreise von Männern mit ähnlichen -, aber auch ganz anderen Lebenssituationen. Die Schwulen Väter in Hamburg und die Akademie Waldschlösschen hatten bei mir einen großen Anteil daran, mich als schwulen Mann wirklich zu akzeptieren.

Ein sehr befreiender Schritt ist das „Coming Out“, also der offene Umgang mit der eigenen Identität und Persönlichkeit als homosexueller Mensch. Dies gelingt mir mittlerweile. Ich stehe dazu schwul zu sein und war noch nie in meinem ganzen Leben so glücklich, befreit, erleichtert und so sehr im Einklang mit mir selbst. Meine Dankbarkeit für Karens Wegbegleitung ist daher nahezu grenzenlos.
Im Waldschlösschen treffen sich übrigens regelmäßig 80 bis 90 schwule Väter in unterschiedlichen Lebenssituationen und mit unterschiedlichen Biografien. Die Gruppen in den Großstädten sind nicht klein, auf Hamburgs Gruppenliste stehen ungefähr gut fünfundzwanzig Namen. Dies ist nur die Spitze des Eisbergs, die Dunkelziffer wird deutlich höher sein.

 

Rundherum glücklich seit dem 26. August 2014